Telefon

Neuerdings ist die telefonische Verbindung nach Kenia schlecht. Vielleicht liegt es an den Billigvorwahlen, ohne die die wöchentlichen Anrufe nicht mehr so ohne Weiteres unter “Sonstige Ausgaben” zu verbuchen wären, vielleicht hat auch mein Festnetz oder das Telefon an sich irgendwelche Probleme. Jedenfalls wird das Angebot an Klingelzeichen größer: Retrorauschen oder Besetzt kenne ich ja schon, aber dass die einmalige Ansage “nur – fünf – Komma – eins – Centprominuteabgesprächsbeginn” jetzt das Klingelzeichen okmplett ersetzt, ist neu. Oder ein Tuten völlig ohne erkennbare Regelmäßigkeit, ein wildes Durcheinander, das an Morsezeichen erinnert.

Letzte Woche war ich dann doch etwas beunruhigt, als erst keiner ran ging und beim zweiten Versuch eine helle, abgehackte Männerstimme “Hallo?” fragte, die absolut nicht die erwartete Stimme von A. sein konnte, und dazu Bollywood-Musik. Ich legte erschrocken auf und wählte noch einmal, hochkonzentriert, jeden Tastendruck doppelt überprüfend. Der Inder ging wieder ran. Beim dritten Mal sagte ich, wer ich sei. Er verstand nicht, sagte auf Englisch, ich solle warten. Ich hörte der Musik zu. Dann sagte er: “Your wife is not here.” Ich musste fast lachen, sagte nochmal “Hallo?”, sodass er merkte,dass es keine böse Absicht war, sondern vermutlich eine Störung in der Verbindung, wenn ich jetzt auflegte – und legte auf.

Es gab zwei Möglichkeiten.

Erstens: A. war gerade unpässlich und die volunteers nahmen sein Handy ab und verstanden mich nicht. Unwahrscheinlich. Denn warum sollte dort indische Musik laufen? Und welcher volunteer nahm schon das Handy des Work-Camp-Leiters ab?

Zweitens: Man hatte ihm das Handy geklaut und an einen Inder weiterverkauft. Ebenso unwahrscheinlich. Welcher Inder kauft ein geklautes Handy und nutzt dann auch noch dieselbe SIM-Karte?

Mitbewohnerin S. erzählte mir von Möglichkeit Nummer drei: Manchmal kommen falsche Verbindungen zustande, einfach so.

Ich habe inzwischen mit A. telefoniert und er hat sich totgelacht über die Geschichte mit dem Inder und seinem Handy.Wer weiß, was da für Kurzschlüsse verursacht werden, wenn ein Festnetzanschluss im Osten Deutschlands die Verbindung zu einem Handy im Westen Kenias sucht.

Ursprünglich inspiriert von einer Hausarbeit über Kwani? und schließlich vom Lesen des Blogs von Wolfgang Herrndorf motiviert, beginne ich diesen Blog. Wahrscheinlich braucht ihn keiner außer mir und mit Sicherheit wird viel Stuss drinstehen, oder zumindest unfundierte Zeilen, die mein Verhältnis zu Kenia als ein unterbewusst rassistisches entblößen werden. Vor einem halben Jahr bin ich zurückgekommen und in einem halben Jahr gehe ich wieder hin, und dieser Blog zwingt mich immer freitags, mich mit Kenia und mir und dieser Beziehung zwischen uns literarisch auseinanderzusetzen.

Tatsächlich, das braucht wirklich keiner.