Die Sache mit den Identitäten

Identitätsfragen kommen oft in gleicher Form, ein bisschen unterschwellig, und ich habe sie schon so oft beantwortet, dass ich teilweise den gleichen Wortlaut verwende.

Woher kommst du? – Ich bin in dem einen Bundesland geboren, aber im dem daneben aufgewachsen. Allerdings identifiziere ich mich, wenn überhaupt, dann mit dem ersten, aber auch nicht wirklich. Jetzt lebe ich in einem dritten Bundesland, fernab von den ersten beiden, fliege aber hin und wieder in einee Gegend südlich des Äquators und tendiere dazu, einmal in der Nähe des Polarkreises zu leben. Also, woher komme ich?

Die andere Art der Identitätsfragen wurde neulich im Rahmen eines Seminars an der Universität gestellt: Wer bist du? Das war so offensichtlich und unausweichlich, dass ich mir erst, als die Frage schon gestellt war, und zwar an mich, dachte: Hätte man mal vorher drüber nachdenken können. Frau, Student, in Deutschland geboren… Mehr Unkreatives fiel mir in dem Moment auch nicht ein. Andere bezeichneten sich als Mensch oder als Europäer. (Wobei ich in Kenia immer merke, dass ich mein Deutschsein nur sehr schwer ablegen kann, dass es mich doch beträchtlich prägt – aber vielleicht ist das noch eine speziellere Geschichte.)

In dem Seminar soll es um “die Swahili” gehen, und da sind wir auch schon mittendrin in der Problematik: Gibt es “die Swahili” überhaupt? Und wenn ja, was macht sie zu solchen, was zeichnet sie aus? Wie identifizieren sie sich selbst? Und wer sind wir Afrikanisten, die Menschen an der ostafrikanischen Küste zu kategorisieren?

Ich persönlich bin ja noch nicht mal mit meiner eigenen Identität durch (wer wäre das je?). Letztes Mal in Kenia habe ich überall meine billige Digitalkamera draufgehalten und gefilmt, was ich eben so gemacht habe auf dem kenianischen Dorf. Zuvor hatte ich alles hier in LE gefilmt. Jetzt habe ich es zusammengeschnitten und weiß nicht genau, was ich damit anfangen soll, und was diese verpixelten Schnipsel aussagen – über mich, über Kenia. Gerade, als ich den Entschluss gefasst hatte, das Ding vielleicht mal unserer italienischen Dozentin zu zeigen, teilte sie, plötzlich die herablassende Ironie in Person (all ihre Bewegungen waren plötzlich sarkastisch), Auszüge einer Abschlussarbeit aus. “Traditionelle Riten”, “Stämme”, “Trommeln”, “bunte Vielfalt”, “einfaches Leben” – mehr musste sie nicht vorlesen und wir waren alle wie erwartet empört. Tsts, das geht doch nicht! So ein überholtes Afrikabild! – Jetzt traue ich mich gar nicht mehr, den Film irgendjemandem zu zeigen. Da kommen auch Trommeln drin vor und viel Feldarbeit, die unreflektiert bestimmt das typische Bild von Armut und “Tradition” bestätigen. Aber das war da nun eben mal so. Sagt das jetzt vielleicht aus, dass ich ein furchtbares, überholtes Bild von Afrika, dem “primitiven schwarzen Kontinent” habe? Das ist mein zweites Zuhause dort, aber wie kann ich drüber sprechen? Wie kann ich da noch drüber denken??

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