Der Wassermann

Gerade habe ich zwei Töpfe Wasser abgekocht und in den Trinkwasserkanister gefüllt. Das Wasser hier im Stadtteil Umoja wird einmal die Woche in A.s Wohnung gepumpt. Dann verbinden wir den Wasserhahn mit einem Schlauch mit dem 100-Liter-Tank und füllen auch die beiden 20-Liter-Kanister und eine Handvoll anderer großer Plastikflaschen. Das Wasser kommt von der Stadt und wird in einem Laster geliefert, glaube ich. Ich bekomme das immer nur mit, wenn plötzlich der Hahn im Bad anfängt, zu plätschern. Dann renne ich und halte ein leeres Gefäß nach dem anderen drunter. Das Wasser ist recht chlorhaltig. Trotzdem will ich es nicht unabgekocht trinken.

Vor zwei Wochen ließ das Wasser auf sich warten. Der Plastikeimer war schon lange leer, die beiden 20-Liter-Kanister auch, und um Wasser aus dem großen Tank zu schöpfen, musste ich mich schon ziemlich beugen. Irgendwann berührte ich mit der Schöpfkanne den Boden – und Wasser, das gepumpt hätte werden könnnen, war keines da. Also mussten wir Wasser kaufen. In den Straßen hier im Viertel sieht man viele große Handwagen voller gelber und weißer Plastikkanister. Junge Männer holen damit Wasser und verkaufen es für 25 Schilling pro 20 Liter. Wir haben 100 Liter gekauft. Der Wassermann hat sie uns vor die Wohnungstür im ersten Stock geschleppt und wir füllten unseren Tank.

Beim Duschen merkte ich den Unterschied: Das Wasser war wesentlich weicher als das Chlorwasser von der Stadt. Ich kriegte die Seife fast nicht von meiner Haut runter und musste tropfend in die Küche tappen, um nochmal eine Ladung Wasser zu schöpfen und in die Dusche zu tragen.

Inzwischen lassen wir den Wasserhahn immer offen und stellen die grüne Plastikschüssel drunter. Ich bin meistens zu Hause, wenn das Wasser mich überrascht und kann alle leeren Gefäße auffüllen.

Eine letzte Wassergeschichte, die mir neulich untergekommen ist, fand ich sehr symbolisch. Ich besuchte Praktikanten, die bei deutschen Organisationen areiten. Sie sind in einem etwas nobleren Viertel der Stadt untergebracht. Ich war zum Abendessen eingeladen. Sie fragten mich, ob ich Cola wolle. Ich sagte, ich hätte lieber Wasser. Das stellte sich als schwieriger heraus als gedacht. In der Küche stand ein Plastikgefäß mit mindestens 50 Litern abfefülltem Trinkwasser, aber die Handpumpe funktionierte nicht wirklich. Ich bekam schließlich mein Wasser, aber es wäre leichter gewesen, Cola zu trinken.

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One thought on “Der Wassermann

  1. Ein kleiner Nachtrag: Nachdem ich diesen Beitrag gepostet hatte, verließen wir am Sonntag für lange Zeit die Wohnung, um einen Freund zu besuchen, der auf der anderen Seite der Hauptstadt wohnt. Gegen Abend rief der Hausmeister auf A.s Handy an. Die Nachbarin hätte bemerkt, dass unter der Tür Wasser nach außen lief, während die Pumpe lief, um alle Hausbewohner mit Wasser zu versorgen. Wir hatten wohl ergessen, den Hahn zuzudrehen, aus dem zuvor noch kein Wasser gekommen war. Wir brachen auf. Es dauerte über eine Stunde, bis wir zu Hause waren. Im Bus überlegten wir, was alles auf dem Boden und demnach unter Wasser stand. Größte Sorgen bereitete mir die Matratze, die sich wahrscheinlich vollgesogen hatte. Bis mir noch etwas anderes einfiel. Ich tippte A. a, der vor mir saß, und sagte nur: Das Radio. Mit einem leichten Seufzer fügte er es der Liste in seinem Kopf hinzu, die all die Dinge beinhaltete, von der er sich während der Fahrt verabschiedete. Als wir ankamen, lief uns tatsächlich ein kleines Rinnsal unter der Tür entgegen, und drinnen stand das Wasser etwa drei Handbreit hoch. Wir hievten alles auf Stühle und Tische. Wir öffneten alle Fenster und Türen. Wir befreiten die Abflüsse im Bad und auf dem Balkon und schoben das Wasser mit einem Besen dorthin. Wir sammelten es in einem Eimer und kippten es in den dritten Abfluss vor dem Haus. Wir schöpften. Wir hängten die nass gewordenen Sachen auf. Wir wischten. Und wir schämten uns wegen des verschwendetet Wassers.
    Es stellte sich heraus, dass die Matratze hoch genug auf dem Lattenrost lag, sodass sie trocken geblieben war. Und das Radio war wasserfest. Wenn wir jetzt die Wohnung verlassen, gehen wir im Kopf immer nochmal alles durch: Schluessel? Geldeutel? Handy? Fenster zu? Wasser abgedreht? Da soll noch einmal einer sagen, in Umoja gäbe es kein Wasser.

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