Der geheime Garten – Gedanken über Kenias middle class

In Deutschland würde ich mich zur Mittelklasse zählen. Reich bin ich nun nicht, aber „well off“, immerhin kann ich mir Flüge nach Kenia leisten. Ich erinnere mich an ein Schema oder Diagramm, das die Mittelklasse gegen Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts als große Flunder darstellte, die sich gegen Ende dieses Jahrhunderts in einzelne Zellen teilte, die aber weiterhin die breite Mitte ausfüllten. Sind wir nicht alle ein bisschen Mittelklasse?

Die kenianische middle class ist für mich dagegen etwas anderes. Sie wurde zur Genüge auf dem Literaturfest in Nairobi erwähnt, denn sie hat Geldquellen, die genug für die 10 Euro teure Eintrittskarte für eben dieses Festival bereitstellen. Sie sieht Fernsehen (schon zum Frühstück, wie sich herausstellte), wohnt in Kileleshwa, moderiert Lesungen und Interviews auf eine amerikanische Talkshow-Art, kennt Marx‘ Theorien, ist stolz auf seine Haarsalons und Angestellten, selbstkritisch und gibt zu, dass die post election violence nicht weit genug reichte, um sie selbst wirklich zu bewegen. Und sollte sie in Narok wohnen, vermute ich, dass sie meine Nachbarn darstellt. Gegenüber wohnt eine Frau mit ihrem Verlobten und einem Jungen mit weihnachtlichem Namen.Bei ihrem Einzug kam sie mir in einer Java-House-Jacke entgegen und meinte, sie würde in Narok eine neue Arbeitsstelle antreten. Daneben wohnt eine Frau, die mit der Community arbeitet, mein Haus für ein Büro hielt, weil es keine Vorhänge hat und am Wochenende meistens in Nairobi bei ihrer Familie ist. Auch die Frau vom anderen Gegenüber, die ich einmal traf, als wir beide Wäsche aufhängten und sie ein Handtuch um den Kopf und einen Khanga um ihren nackten Körper gewickelt hatte, sagte, ich würde sie selten sehen, weil sie nicht so oft hier sei. Es soll auch noch eine andere weiße Frau hier wohnen, für deren Schwester mit die Pförtner erst hielten, aber ich habe sie noch nicht getroffen. Dafür einen Halbzeit-Dozenten von der Uni, der Community Development unterrichtet. Und hin und wieder treffe ich Inder, die um ihren Jeep stehen, oder daraus aussteigen, oder darin einsteigen, oder etwas daraus holen.

Wir alle wohnen also in einer anonymen Nachbarschaft, mit abgezählten Häusern mit großen Räumen und Strom, der stetig genug fließt, um einen Kühlschrank am Laufen zu halten. Ich habe keinen Kühlschrank (ich hatte noch nie einen in Kenia, und ich kenne niemanden, der genügend Strom zur Verfügung hat, um ihn zu übernehmen, wenn ich Kenia wieder verlasse), und ich fühlte mich ein wenig fehl am Platz in dieser schicken Gesellschaft auf Nairobis Literaturfest. Hier gehöre ich jedoch wegen meiner privilegierten Herkunft dazu. Ich sitze hin und wieder in dem Pavillon in unserem versteckten, eingezäunten und gesicherten Garten und es fällt mir leicht, das Metalltor und die Machete des Pförtners zu vergessen und mich stattdessen über die Vögel im Garten zu freuen.

Narok macht genügend Geräusche, um in diesem Garten nicht vergessen zu werden. Gerade geht die Disko los, die mich jeden Abend in den Schlaf rumst. Ich finde das irgendwie angenehm.

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