Grenzen

Heute war ich zum ersten Mal in der Bibliothek, um Zeitung zu lesen. Die Flügel der Eingangstür aus Glas hatten große, eingetretene Löcher. Ergebnis einer Studentendemonstration gegen eine Lehrpause. Wegen der Randale wurden sie erst recht vom Campus und in die langen Ferien geschickt. (Deswegen habe ich den Jahrgang gewechselt. „Mein“ Jahrgang hat Pause.) Der Protest lief aus dem Ruder.

In der Zeitung stand in einer fünfzeiligen Anmerkung am Rand, dass auf dem Weg von hier in die Hauptstadt ein Riss in einer Brücke eine Zeitbombe darstellt. Es habe schon zwei Unfälle gegeben, weil die Verkehrsteilnehmer dem täglich größer werdenden Riss ausweichen mussten.

Ein neuer Freund erzählte mir vorgestern, dass er abends zur Zeit Kerzen verwende, weil sie ihm die Elektrizität gekappt haben. Er hatte die Rechnung nicht bezahlen können. Im Studentenkiosk, das teilweise ihm gehört, steht ein Drucker, der lange gedruckt hat. Jetzt hat er ein kleines Problem und erfüllt seinen Lebenszweck  als Staubfänger.

An die auf Autodächer gebundenen, lebendigen Hühner und die – ebenso lebendigen – Schafe, die einen Teppich auf der Ladefläche des Transportwagens bilden, auf den sie gebunden wurden – an diese gestapelten Tiermassen also habe ich mich schon gewöhnt. Und auch an die Schlaglöcher in den Straßen und Wegen, die eben auf Pfaden umfahren werden, in denen bald neue Schlaglöcher entstehen.

Mit all diesen Vorkommnissen, die mir tagtäglich auffallen, möchte ich ein unbestimmtes Gefühl ausdrücken: Es kommt mir vor, als würde hier vieles bis zur äußersten Grenze getan und genutzt. Dinge und Un-Dinge werden bis zum Exzess ausgenutzt. Das hat durchaus sein Gutes. In Deutschland hätte ich meine kleine Tasche schon zweimal weggeworfen, weil sie zweimal gerissen ist. Hier habe ich sie zum fundi gebracht, der hier ein Stück Leder und da ein Stück Faden fachgerecht angebracht hat, und ich habe meine Tasche wieder – und eine Bekanntschaft dazu.

Demnächst muss ich nach Nairobi fahren, um mein Visum zu verlängern. Ich bin so deutsch und gehe lieber sehr rechtzeitig ins Immigration Office, damit ich nicht auf den letzten Drücker noch schnell meine Aufenthaltserlaubnis aktualisieren muss. Ich hoffe nur, sie haben die Brücke bis dahin repariert, einen sicheren Umweg gefunden oder – sie hält.

Kurz bevor ich diesen Beitrag posten wollte, kam übrigens die Nachricht von meinem Modem, dass das Internetguthaben abgelaufen sei. Ich hatte noch überlegt, ob ich vorsichtshalber schon eine neue Guthabenkarte auf Vorrat kaufen sollte. Zu spät.

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