Die Politikbremse

Es ist Wahlkampf. Keiner kommt daran vorbei. Ich versuche, für A. ein Praktikum im Dezember zu finden, aber da scheint niemand Zeit zu haben. Wenn er im April kommen wollte… sagt Dr. Dreadlocks, rollt genervt die Augen und fügt hinzu: Things have slowed down.

Nicht nur Dinge, auch die Wirtschaft, hat mir der aufdringliche Economics-Dozent erklärt. Es wird viel Geld unter der Hand getauscht und wechselt inoffiziell die Besitzer, was irgendwelche negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft hat, die ich mir leider nicht merken konnte.

Mein nächstes Ziel ist E. Organic Farm, zunächst für ein kleines Forschungsprojekt für die Uni. Aber vielleicht kann ich auch was für die Bachelor-Arbeit mitnehmen. Dr. Dreadlocks versucht schon seit geraumer Zeit, den Inhaber telefonisch zu erreichen, um ihn zu fragen, ob ich mal kommen darf. Aber der ist beschäftigt, er macht Politik.

Ich kann mir schon vorstellen, dass so eine Kampagne sehr zeitaufwändig ist. Neulich kam Uhuru Kenyatta per Helikopter ins Stadion geflogen und hielt eine flammende Rede. Das Ganze war noch lauter als die Kirchenveranstaltungen schon immer sind. Man konnte ihm nicht entgehen. (Ein kurzer Exkurs: Uhuru Kenyatta ist der Sohn von Jomo Kenyatta, „the founding father of our nation“. Uhuru ist ein merkwürdiges Wort, weil es zwei verschiedene, aber scheinbar untrennbare Dinge bedeutet: Freiheit und Unabhängigkeit. Ob Kenia nach Kenyatta benannt wurde oder umgekehrt, weiß ich auch nicht so genau.) Dabei hat Uhuru eine Verhandlung im Internationalen Gerichtshof in Den Haag laufen, der ihm vorwirft, in die post-election violence 2008 verwickelt gewesen zu sein. Und sicher ist er auch ein Minister für irgendwas. Aber wenn man eine politische Kampagne am Laufen hat, bleibt wohl selbst die Politik auf der Strecke.

Ich bin nur gespannt, ob denn meine Visumsunterlagen bis Anfang nächstes Jahr fertig sind, wie angekündigt, oder ob die auch von dieser Politikbremse geschluckt werden, die so vielen auf die Nerven geht und der man trotzdem nicht entgehen kann.

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Trauma

In Gender Studies kam vor einiger Zeit eine Diskussion zustande. Es ging darum, ob bei den Präsidentschaftswahlen im März eine Frau gewinnen kann. Die meisten Studenten sagten, Kenia sei noch nicht bereit dafür. Außerdem habe die eine Kandidatin keinen Ehemann.

– Aber braucht sie einen Ehemann, um Präsidentin zu werden?

– Ja, denn sie sollte in gewisser Weise ein Vorbild sein.

– Und was ist mit dem politischen Programm der Kandidaten? Warum spielen die Pläne, Visionen und Lösungen, die die Kandidaten für Kenia haben, eine so geringe Rolle, im Vergleich zur ethnischen Herkunft und dem Geschlecht?

– So weit sind wir hier noch nicht in Kenia.

 

In Research Methodology sollen wir eine kleine Forschung durchführen. Die Themen drehen sich unter anderem um alleinerziehende Eltern, Beschneidung bei Mädchen, ökonomische Abhängigkeit von großen Familien und Alkoholismus. Meine Klasse wird also die nächsten zwei Wochen Fragebögen entwerfen und aus dem Klassenzimmer in die Umgebung strömen, Leute interviewen, Daten sammeln und auswerten und hoffentlich Lösungen präsentieren. Es kommt mir aber so vor, als seien diese „Lösungen“ schon da. Sie wurden von Idealisten aus dem globalen Norden eingeführt, aufgelistet und in UN-Chartas manifestiert. Von dort aus flossen sie in die Medien und die Schulen und wurden auswendig gelernt, und wie viele Leute wir auch befragen werden – wir werden nur diese Chartas reproduzieren und für die alleinerziehenden Eltern, beschnittenen Mädchen, abhängigen Familien und Alkoholikern ändert sich damit auch nichts. Unsere Schlussfolgerungen helfen ihnen genauso wenig wie die Projekte und Organisationen, die sich darin überschätzen, die Probleme fremder Leute lösen zu können.

 

In Rural Development Administration Strategies haben wir gelernt, dass ownership eines der wichtigsten Prinzipien in der Gemeinschaftsarbeit ist. (Die Gemeinschaft/ community ist dabei eine undifferenzierte Masse von armen, abhängigen, passiven Landmenschen in zerschlissenen Kleidern, die unbedingt unsere Hilfe brauchen, die wir in temporären Hilfsprojekten und gefördert von allwissenden, reichen und strengen Spendern/ donors aus dem globalen Norden darreichen.) Wenn die Leute ihr Hühnerhaus und ihre Klinik und ihre Straße selbst planen, bauen und bezahlen, dann gehört sie ihnen, und wenn sich die Entwicklungshelfer dann zurückziehen, kann auch mal was kaputt gehen, aber es fühlen sich Menschen dafür verantwortlich und kümmern sich darum. Vielleicht ist es mit den Ideen genauso. Wenn man ein Konzept von Demokratie und Frauenrechten von außen aufgestülpt und indoktriniert bekommt, ist es wohl leicht, Hurra zu rufen und Demokratie toll zu finden (wahrscheinlich ist sie ja auch wirklich toll), aber wenn es drauf ankommt: Wer anders sollte sich um die Umsetzung eines fremden Konzeptes kümmern als die Entwerfer dieses Konzeptes?

 

In Religion and Science warnte uns die die lustige Nonne davor, dass manche Kenianer bei der letzten Wahl ihre Normen und Werte und ihre Gottesfürchtigkeit über Bord geworfen und damit großen Schaden angerichtet haben. „Morgens saßen sie in ihrer Kirche und haben Gott gelobt, und nachmittags haben sie ihren Gott in die Tasche gepackt und mit Macheten und Steinen andere Leute verletzt und getötet. Nur um abends ihren Gott wieder auszupacken und furchtbar gläubig und heilig zu beten. Und ich sehe die gleiche Situation wieder auf uns zu kommen. Und ich sehe, wie ihr eure Köpfe senkt. Immer wenn es in einer Diskussion zu diesem Thema kommt, schweigen die Leute. Wart ihr nicht auch da?“

 

Mein erster Freund, den ich in Narok gefunden habe, hat eine Tante, die wir neulich besuchten. Sie war still und hatte ein hartes Gesicht, mit dem sie ihre drei kleinen Kinder herum scheuchte. Aber in der Küche hörte man sie lachen, und dann lachte sie auch im Wohnzimmer mit uns, und ihre Witze waren ironisch und lebendig und nicht so sehr ausgesprochen, sondern mehr in ihren Bewegungen und in ihrem Verhalten. Als ich meinen Freund darauf ansprach, erinnerte er mich an die furchtbaren Erlebnisse, in die sie vor vier Jahren verwickelt waren und sagte: Wahrscheinlich ist sie einfach  traumatisiert.

 

Wahrscheinlich ist Kenia einfach traumatisiert. Und die Doktoren aus dem Westen machen es nur noch schlimmer, denn sie vernichten die Bewegungen, die hier schon längst am Laufen sind, mit ihren hochgestochenen Idealen.