Identitätsfragen (noch), packen (endlich), quatschen (wieder)

Kein Fortschritt. Schon letzte Woche hätte ich über nichts anderes schreiben können als die Hemmungen, überhaupt nocht über Kenia zu sprechen. tribe darfman nicht mehr sagen. Ethnie darf man nicht mehr sagen. Auch local ist schon kritisch. Wir mussten alle lachen, als ich sagte: Ich kann nicht zum Spachenabend kommen, ich geh zum Afrikanischen Tanz. Die Broschüre von einer Freundin, “Reiseberichte und Rassismus” ist durchgegendert und spricht vom globalen Süden und globalen Norden. Mit dieser politischen Korrektheit sitzt sie den Rückkehrern im Nacken und holt den Hammer raus, wenn einer mal nicht _innen sagt. Also sitze ich nun da, zwischen _innen und Trommeln und habe das Gefühl, dass die sich wie wilde Hunde auf meine verwackelten Urlaubsvideos stürzen, wenn ich mich denn trauen sollte, diese auszupacken.

Schön zu wissen, wie unabhängig davon das tatsächliche Leben, die Alltagswelt (auch wenn noch so konstruiert), unbeirrbar funktioniert, sich aufrecht erhält und läuft wie eine Eins. Kurze Telefonate zur Versicherung, ob und was A. packt. Er wird nämlich nicht mehr nach Hause kommen vor dem Flug nach Deutschland. “Wird es kalt?” – “Bringst du deinen Laptop mit?” – “Kann ich mit T-Shirt in den Deutschkurs gehen?” – “Nimm deine Deutschbücher mit.” …

Anfangs konnte ich es, wie gesagt, nicht glauben. Inzwischen ist dem Gefühl, dass jeden Moment etwas passieren könnte, was ihn daran hindert, zu kommen (Busunfall, Familienprobleme, Flugstreichung, Krankheit, …), der Vorfreude gewichen. Der aufgeregten, kindlichen, verliebten Vorfreude, die mich schon dazu veranlasste, kleine Zeichnungen und Pläne darüber anzufertigen, wie wir inmeinen zwölf Quadratmetern die Möbel stellen und verrücken müssen, damit wir den Platz zu zweit so ideal nutzen, wie ich das alleine auch schon tue.

Gestern habe ich mich mit meiner großen kurzhaarigen Freundin in der Mensa getroffen und wir haben uns gegenseitig auf den neuesten Stand gebracht. Sie war in Kampala und hat dort einen kenianischen Journalisten kennengelernt, der jetzt nach Deutschland kommen soll. Wir sind zu der Erkenntnis gekommen, dass wir eindeutige Klischees erfüllen als Afrikanist_INNEN mit afrikanischem Freund.

Aber bei uns ist das ja alles ganz anders!

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Telefon

Neuerdings ist die telefonische Verbindung nach Kenia schlecht. Vielleicht liegt es an den Billigvorwahlen, ohne die die wöchentlichen Anrufe nicht mehr so ohne Weiteres unter “Sonstige Ausgaben” zu verbuchen wären, vielleicht hat auch mein Festnetz oder das Telefon an sich irgendwelche Probleme. Jedenfalls wird das Angebot an Klingelzeichen größer: Retrorauschen oder Besetzt kenne ich ja schon, aber dass die einmalige Ansage “nur – fünf – Komma – eins – Centprominuteabgesprächsbeginn” jetzt das Klingelzeichen okmplett ersetzt, ist neu. Oder ein Tuten völlig ohne erkennbare Regelmäßigkeit, ein wildes Durcheinander, das an Morsezeichen erinnert.

Letzte Woche war ich dann doch etwas beunruhigt, als erst keiner ran ging und beim zweiten Versuch eine helle, abgehackte Männerstimme “Hallo?” fragte, die absolut nicht die erwartete Stimme von A. sein konnte, und dazu Bollywood-Musik. Ich legte erschrocken auf und wählte noch einmal, hochkonzentriert, jeden Tastendruck doppelt überprüfend. Der Inder ging wieder ran. Beim dritten Mal sagte ich, wer ich sei. Er verstand nicht, sagte auf Englisch, ich solle warten. Ich hörte der Musik zu. Dann sagte er: “Your wife is not here.” Ich musste fast lachen, sagte nochmal “Hallo?”, sodass er merkte,dass es keine böse Absicht war, sondern vermutlich eine Störung in der Verbindung, wenn ich jetzt auflegte – und legte auf.

Es gab zwei Möglichkeiten.

Erstens: A. war gerade unpässlich und die volunteers nahmen sein Handy ab und verstanden mich nicht. Unwahrscheinlich. Denn warum sollte dort indische Musik laufen? Und welcher volunteer nahm schon das Handy des Work-Camp-Leiters ab?

Zweitens: Man hatte ihm das Handy geklaut und an einen Inder weiterverkauft. Ebenso unwahrscheinlich. Welcher Inder kauft ein geklautes Handy und nutzt dann auch noch dieselbe SIM-Karte?

Mitbewohnerin S. erzählte mir von Möglichkeit Nummer drei: Manchmal kommen falsche Verbindungen zustande, einfach so.

Ich habe inzwischen mit A. telefoniert und er hat sich totgelacht über die Geschichte mit dem Inder und seinem Handy.Wer weiß, was da für Kurzschlüsse verursacht werden, wenn ein Festnetzanschluss im Osten Deutschlands die Verbindung zu einem Handy im Westen Kenias sucht.