Wahlnachbarn

Vor einer Weile sind gegenüber viele Leute eingezogen. Seitdem riecht es nach Räucherstäbchen. Das finde ich angenehm. Außer wenn die Frau, die in dem großen Haushalt das Sagen zu haben scheint, Pfannkuchen macht. Dann riecht es zuerst nach Kohle und dann nach Pfannkuchen. Dass sie während der Wahlen nicht gegenüber wohnten, habe ich an zwei Dingen gemerkt: Ich höre keine Frauen mehr rufen oder schreien oder laut diskutieren. (Nur die Amerikanerin auf der anderen Seite telefoniert weiterhin stundenlang und lautstark mit ihrem Handy außerhalb ihres Hauses.) Und die Wäscheleinen hinter dem Haus (auch die, die für mich gedacht ist) hängen nicht mehr täglich voll mit weißen Unterhemden und großen bunten Tüchern.

Nun sind nur noch zwei junge Männer dort, die ich vorher nicht bemerkt hatte. Einer brachte neulich abends sein BlackBerry rüber, mit der Bitte, es an meinem Laptop aufzuladen. In seiner linken Backe kaute er auf einem Knäuel von Miraa-Blättern.

Unsere Küchenfenster sind genau gegenüber. Als wir neulich viele Besucher hatten und kein fließend Wasser, machte ich den Abwasch, und während das Wasser aus dem Eimer in meiner Plastikschüssel plätscherte, klapperte es auch gegenüber in der Spüle.

Wenn diese Wahlen vorbei sind – und wir warten auf das Ergebnis, dass heute noch verkündet werden soll – werden die lauten Frauen wieder zurück kommen, und es wird wieder nach Räucherstäbchen oder Pfannkuchen riechen, und ich werde in die Normalität zurückkehren, wie es sich derzeit wohl die meisten Kenianer wünschen.

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Na hiyo ndiyo maendeleo

Nach dem letzten Test des Semesters ging ich mit meiner Klassenkameradin vom Campus runter Richtung Stadt, nach Hause. Es war heiß und wir gingen langsam. Ich war ganz euphorisch und erzählte ihr von meinen Weihnachtsplänen. Sie hatte sich das alles noch nicht überlegt. Heilig Abend war nur noch drei Tage entfernt. Ich würde viele Filme ansehen, viel lesen, viel kochen und noch mehr essen. Sie überlegte es genau in dem Moment, dass sie ihre beiden Kinder wohl für ein paar Tage besuchen würde, die schon eine Weile auf dem Land bei Oma waren. Aber dann müsste sie bald zurück kommen, schließlich habe sie einen Haarsalon und die Feiertage seien ein gutes Geschäft. Die Wolken ballten sich auf einer Seite des Horizonts zusammen, aber wenn nicht der ganze Himmel über Narok komplett dunkelgrau bewölkt ist, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es nicht regnen wird. Sie sagte, Regen täte ihrem Feld gut, dann könne sie umgraben. Sie ezählte von ihrem Traktor und dem Fahrer, den sie für solche Zwecke anstellt. Und sie versprach, Fotos von ihren Kühen, Ziegen und Schafen zu machen, damit ich sie mal sehen kann.

Wir kamen an der kleinen Schule vorbei, wo ein paar Kinder kichernd schaukelten. Sie sagte: “Now I can see, Narok is really developing. Can you see these children just playing and enjoying themselves. And can you see how the town reaches even to that other side? It is really developing.”

Als ich nach Hause kam, in meine schicke, eingezäunte Wohnanlage mit Springbrunnen, gab es kein Wasser. Jemand hatte die Leitung sabotiert.

Meilensteine

Die Lehrerin für Project Management and Leadership ist jung und lässt ihre Dreadlocks zu schönen Frisuren flechten. Sie trägt dezente Kleidung und meistens dunkelrote Schuhe. Wenn sie spricht, kommt das s manchmal unscharf aus ihrer ansonsten wohl geformten, reichen, englischen Sprache. Ihr Unterricht hat eine mir ersichtliche Struktur, eine Seltenheit in diesem ersten Semester. In der letzten Stunde, in der sie den Stoff abschloss, erklärte sie uns, was wir für das final exam über Strategisches Projektmanagement wissen müssen. Ein wichtiger Punkt dabei ist jede Art von Plan und Evaluation und Monitoring und Meetings, am besten bei der Erreichung der Meilensteine. Sie machte eine Pause und meinte, es klinge ja sehr komisch, von Meilensteinen zu reden, aber so hieße das nunmal. Das seien keine Hindernisse, oder Steine, die einem in den Weg gelegt werden. Ganz im Gegenteil seien Meilensteine kleine, gesetzte Ziele und Fortschritte, die erreicht wurden. Aber auch sie fände es komisch, dass man solche erfreulichen Ergebnisse Meilensteine nenne. Ich meldete mich. Sie kennt meinen Namen, wie die meisten der Lehrerinnen. Ich erklärte, dass Meilensteine am Wegrand stünden, früher, an alten Straßen, anstatt Schildern, und die Entfernung anzeigten. Je mehr Meilensteine man also passiert habe, desto weiter sei die Reise fortgeschritten und desto näher sei man dem Ziel. Lächeln. Erkenntnis. Ach so… seht ihr: Es macht einfach selten Sinn, oder zumindest stiftet es Verwirrung, wenn man einfach so Konzepte aus dem Westen übernehme. Das könne ja nicht immer verständlich sein. Während die Leute da die Entfernungen in Meilen messen, haben wir hier Kilometer. Jetzt wird mir das endlich klar. Danke für die Erklärung, Laura. Gerne. Danke für die erkenntnisstiftende Situation und die Offenheit und die Verwunderung, die auch mir die Augen öffnet.

Die Politikbremse

Es ist Wahlkampf. Keiner kommt daran vorbei. Ich versuche, für A. ein Praktikum im Dezember zu finden, aber da scheint niemand Zeit zu haben. Wenn er im April kommen wollte… sagt Dr. Dreadlocks, rollt genervt die Augen und fügt hinzu: Things have slowed down.

Nicht nur Dinge, auch die Wirtschaft, hat mir der aufdringliche Economics-Dozent erklärt. Es wird viel Geld unter der Hand getauscht und wechselt inoffiziell die Besitzer, was irgendwelche negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft hat, die ich mir leider nicht merken konnte.

Mein nächstes Ziel ist E. Organic Farm, zunächst für ein kleines Forschungsprojekt für die Uni. Aber vielleicht kann ich auch was für die Bachelor-Arbeit mitnehmen. Dr. Dreadlocks versucht schon seit geraumer Zeit, den Inhaber telefonisch zu erreichen, um ihn zu fragen, ob ich mal kommen darf. Aber der ist beschäftigt, er macht Politik.

Ich kann mir schon vorstellen, dass so eine Kampagne sehr zeitaufwändig ist. Neulich kam Uhuru Kenyatta per Helikopter ins Stadion geflogen und hielt eine flammende Rede. Das Ganze war noch lauter als die Kirchenveranstaltungen schon immer sind. Man konnte ihm nicht entgehen. (Ein kurzer Exkurs: Uhuru Kenyatta ist der Sohn von Jomo Kenyatta, „the founding father of our nation“. Uhuru ist ein merkwürdiges Wort, weil es zwei verschiedene, aber scheinbar untrennbare Dinge bedeutet: Freiheit und Unabhängigkeit. Ob Kenia nach Kenyatta benannt wurde oder umgekehrt, weiß ich auch nicht so genau.) Dabei hat Uhuru eine Verhandlung im Internationalen Gerichtshof in Den Haag laufen, der ihm vorwirft, in die post-election violence 2008 verwickelt gewesen zu sein. Und sicher ist er auch ein Minister für irgendwas. Aber wenn man eine politische Kampagne am Laufen hat, bleibt wohl selbst die Politik auf der Strecke.

Ich bin nur gespannt, ob denn meine Visumsunterlagen bis Anfang nächstes Jahr fertig sind, wie angekündigt, oder ob die auch von dieser Politikbremse geschluckt werden, die so vielen auf die Nerven geht und der man trotzdem nicht entgehen kann.

Trauma

In Gender Studies kam vor einiger Zeit eine Diskussion zustande. Es ging darum, ob bei den Präsidentschaftswahlen im März eine Frau gewinnen kann. Die meisten Studenten sagten, Kenia sei noch nicht bereit dafür. Außerdem habe die eine Kandidatin keinen Ehemann.

– Aber braucht sie einen Ehemann, um Präsidentin zu werden?

– Ja, denn sie sollte in gewisser Weise ein Vorbild sein.

– Und was ist mit dem politischen Programm der Kandidaten? Warum spielen die Pläne, Visionen und Lösungen, die die Kandidaten für Kenia haben, eine so geringe Rolle, im Vergleich zur ethnischen Herkunft und dem Geschlecht?

– So weit sind wir hier noch nicht in Kenia.

 

In Research Methodology sollen wir eine kleine Forschung durchführen. Die Themen drehen sich unter anderem um alleinerziehende Eltern, Beschneidung bei Mädchen, ökonomische Abhängigkeit von großen Familien und Alkoholismus. Meine Klasse wird also die nächsten zwei Wochen Fragebögen entwerfen und aus dem Klassenzimmer in die Umgebung strömen, Leute interviewen, Daten sammeln und auswerten und hoffentlich Lösungen präsentieren. Es kommt mir aber so vor, als seien diese „Lösungen“ schon da. Sie wurden von Idealisten aus dem globalen Norden eingeführt, aufgelistet und in UN-Chartas manifestiert. Von dort aus flossen sie in die Medien und die Schulen und wurden auswendig gelernt, und wie viele Leute wir auch befragen werden – wir werden nur diese Chartas reproduzieren und für die alleinerziehenden Eltern, beschnittenen Mädchen, abhängigen Familien und Alkoholikern ändert sich damit auch nichts. Unsere Schlussfolgerungen helfen ihnen genauso wenig wie die Projekte und Organisationen, die sich darin überschätzen, die Probleme fremder Leute lösen zu können.

 

In Rural Development Administration Strategies haben wir gelernt, dass ownership eines der wichtigsten Prinzipien in der Gemeinschaftsarbeit ist. (Die Gemeinschaft/ community ist dabei eine undifferenzierte Masse von armen, abhängigen, passiven Landmenschen in zerschlissenen Kleidern, die unbedingt unsere Hilfe brauchen, die wir in temporären Hilfsprojekten und gefördert von allwissenden, reichen und strengen Spendern/ donors aus dem globalen Norden darreichen.) Wenn die Leute ihr Hühnerhaus und ihre Klinik und ihre Straße selbst planen, bauen und bezahlen, dann gehört sie ihnen, und wenn sich die Entwicklungshelfer dann zurückziehen, kann auch mal was kaputt gehen, aber es fühlen sich Menschen dafür verantwortlich und kümmern sich darum. Vielleicht ist es mit den Ideen genauso. Wenn man ein Konzept von Demokratie und Frauenrechten von außen aufgestülpt und indoktriniert bekommt, ist es wohl leicht, Hurra zu rufen und Demokratie toll zu finden (wahrscheinlich ist sie ja auch wirklich toll), aber wenn es drauf ankommt: Wer anders sollte sich um die Umsetzung eines fremden Konzeptes kümmern als die Entwerfer dieses Konzeptes?

 

In Religion and Science warnte uns die die lustige Nonne davor, dass manche Kenianer bei der letzten Wahl ihre Normen und Werte und ihre Gottesfürchtigkeit über Bord geworfen und damit großen Schaden angerichtet haben. „Morgens saßen sie in ihrer Kirche und haben Gott gelobt, und nachmittags haben sie ihren Gott in die Tasche gepackt und mit Macheten und Steinen andere Leute verletzt und getötet. Nur um abends ihren Gott wieder auszupacken und furchtbar gläubig und heilig zu beten. Und ich sehe die gleiche Situation wieder auf uns zu kommen. Und ich sehe, wie ihr eure Köpfe senkt. Immer wenn es in einer Diskussion zu diesem Thema kommt, schweigen die Leute. Wart ihr nicht auch da?“

 

Mein erster Freund, den ich in Narok gefunden habe, hat eine Tante, die wir neulich besuchten. Sie war still und hatte ein hartes Gesicht, mit dem sie ihre drei kleinen Kinder herum scheuchte. Aber in der Küche hörte man sie lachen, und dann lachte sie auch im Wohnzimmer mit uns, und ihre Witze waren ironisch und lebendig und nicht so sehr ausgesprochen, sondern mehr in ihren Bewegungen und in ihrem Verhalten. Als ich meinen Freund darauf ansprach, erinnerte er mich an die furchtbaren Erlebnisse, in die sie vor vier Jahren verwickelt waren und sagte: Wahrscheinlich ist sie einfach  traumatisiert.

 

Wahrscheinlich ist Kenia einfach traumatisiert. Und die Doktoren aus dem Westen machen es nur noch schlimmer, denn sie vernichten die Bewegungen, die hier schon längst am Laufen sind, mit ihren hochgestochenen Idealen.

Heldentag

Gestern war Mashujaa-Day, der Tag der Helden. Ursprünglich feierte man den ersten kenianischen Präsidenten Jomo Kenyatta am 10. Oktober und ein paar Tage später den zweiten, Daniel Arap Moi. Aber man merkte schnell, dass da noch mehr Präsidenten nachkommen würden und die nicht alle einen eigenen Feiertag haben können. Also feiert man die Nationalhelden alle zusammen an einem Tag. Dazu hatten wir einen Chorauftritt im Unterhaltungsprogramm des Feiertagsprotokolls im Stadion. Nachdem ein paar Schulen Musikspiele und Maasai-Tänze aufgeführt hatten, sangen wir drei Lieder. Unter anderem „We are celebrating today. We are rejoicing today, enjoying the peace prevailing. We are happy with our government under the leadership of our president. We are happy in this country of Kenya, my motherland.“ Es hat unglaublichen Spaß gemacht zu singen. Schon meine Mutter hat herausgefunden, dass es der  Integration in eine neue Gegend sehr zuträglich ist, wenn man sich gleich einen Chor sucht. Und sie hat recht: Wo man singt, kann man sich ruhig niederlassen. Die Chorleute sind schnell meine Freunde geworden. Aber ich musste noch aus einem anderen Grund breit lachen, während ich gesungen habe. Ich fand es unglaublich ironisch. Kann man mit einem Präsidenten und einer Regierung zufrieden sein, denen ein horrendes Defizit an Führungsqualität angerechnet wird? Kann man das vor einem hochkarätigen Regierungs- und Verwaltungspublikum ernsthaft singen? Wir konnten. Und wir mussten nicht mal die Finger kreuzen dabei. Denn wir hatten Spaß, und wir haben gefeiert. Vielleicht nicht so sehr den Präsidenten (weder den kenianischen, noch den deutschen), aber uns, und unseren Auftritt, und unseren Zusammenhalt, und unsere schicken Uniformen, und vielleicht auch ein bisschen die 200 Schilling und die Cola, die wir hinterher bekamen.

Es ist wohl schon eine ausgelutschte Phrase, dass dieser Tag für alle Helden der Nation da ist, nicht nur für Kenyatta, Moi und Kibaki. Ich feiere also die Helden, die aus Freude über ihr Land singen, und die stolz auf ihre Herkunft sind. Und die, die sich weigern zu singen, weil sie die Heldengesänge als Lügen und Fassaden entlarvt haben. Die Helden, die für ein besseres Land aufstehen und die Helden, die sitzen bleiben, die Fassaden nehmen wie sie sind, und dann nach Hause gehen und ihren Alltag leben. Die Helden, die laut sind, protestieren, und, wenn es sein muss, das Land verlassen und damit den Zurückbleibenden ein Zeichen setzen. Und die Helden, die zu den Zurückbleibenden gehören, den Gehenden zuhören oder sie ignorieren, die ihnen nachfolgen, sie in Erinnerung behalten oder sie vergessen. All die Heldinnen und Helden, die gestern Abend im Club Dallas saßen, tranken und irgendwann tanzten, noch nicht an den heutigen Kirchentag dachten und schon gar nicht an den morgigen Arbeitstag, die sich einfach nur selbst als Helden feierten.

Veränderungen

Heute morgen haben sie angefangen, die Holzkonstruktion, in der Mama Brian Gemüse und Bohnen verkauft, auseinander zu bauen. Mama Brian ging lachend herum und holte Kisten mit Gemüseabfällen aus dem Kiosk, das schon kein Dach mehr hatte. Ich höre die Hammerschläge und wenn ich aus dem vorderen Fenster sehe, kann ich die sechs Männer beobachten, die die Konstruktion wieder zusammenbauen, nur größer, während Mama Brian mit einem Baby auf dem Rücken die Töpfe mit kochenden Bohnen kontrolliert, die vor der Baustelle auf Kohlekochern brodeln.

Wenn ich hinten aus dem Küchenfesnter sehe, sind da andere Männer, die den grauschwarzen, lehmigen Boden der Straße aufhacken. Drei von ihnen stehen hüfttief in dem Graben und beratschlagen und bücken sich, versuchen irgendwas von da unten herauf zu heben, aber es klappt noch nicht. Wahrscheinlich arbeiten sie an der Wasserleitung.

Vorher hörte man Klimpern und Trommeln und Gesänge, und ich dachte zuerst, es sei ein Kirchenumzug, aber dann kam die Parade näher und ich sah die Leute in orangefarbenen T-Shirts. Sie machen Werbung für ODM, die Partei des Premierministers. Es ist Wahlkampf, in weniger als fünf Wochen finden die Präsidentschaftswahlen statt, und keiner weiß, ob sie in Gewalt versinken, wie die letzten Wahlen vor fünf Jahren, oder ob sie als großer Triumph der Demokratie in die Geschichte eingehen.

Und nicht zuletzt bin ich letzte Nacht vom Regen aufgewacht. Es nieselte auf die stille Stadt. Deswegen nutzen wir nun andere Wege, denn unsere gewöhnliche Route ist nicht mehr so einfach passierbar, weil sich in ihrer Mitte große braune Pfützen aufgetan haben. Der Hauptstadt stehen die kalten Tage bevor mit ähnlichen Regenschauern wie dem, in den wir gestern auf dem Weg zur ibliothek geraten sind und vor dem wir uns nur unter einer Tankstelle wartend in Sicherheit bringen konnten. Im Radio laufen nun Modetipps, die sich auf Gummistiefel beziehen, und auch ich werde mir meine Stiefel vom Dorf schicken lassen, weil sie dort keiner benutzt. Denn wenn ich richtig gehört habe, verursacht die anstehende, kleine Regenzeit in Narok nicht nur Pfützen in der Straßenmitte, sondern massive Überschwemmungen. Und ich kann mir gut vorstellen, welche Schlammströme starker Regen aus den Staubpisten in Narok machen kann.

All diese Veränderungen kommen nicht ganz unerwartet. Irgendwo im Hinterkopf haben sie schon lange mit ihrer Ankunft gedroht. Wir sind nur alle immer viel zu beschäftigt, uns rechtzeitig an sie zu erinnern.

Grenzen

Heute war ich zum ersten Mal in der Bibliothek, um Zeitung zu lesen. Die Flügel der Eingangstür aus Glas hatten große, eingetretene Löcher. Ergebnis einer Studentendemonstration gegen eine Lehrpause. Wegen der Randale wurden sie erst recht vom Campus und in die langen Ferien geschickt. (Deswegen habe ich den Jahrgang gewechselt. „Mein“ Jahrgang hat Pause.) Der Protest lief aus dem Ruder.

In der Zeitung stand in einer fünfzeiligen Anmerkung am Rand, dass auf dem Weg von hier in die Hauptstadt ein Riss in einer Brücke eine Zeitbombe darstellt. Es habe schon zwei Unfälle gegeben, weil die Verkehrsteilnehmer dem täglich größer werdenden Riss ausweichen mussten.

Ein neuer Freund erzählte mir vorgestern, dass er abends zur Zeit Kerzen verwende, weil sie ihm die Elektrizität gekappt haben. Er hatte die Rechnung nicht bezahlen können. Im Studentenkiosk, das teilweise ihm gehört, steht ein Drucker, der lange gedruckt hat. Jetzt hat er ein kleines Problem und erfüllt seinen Lebenszweck  als Staubfänger.

An die auf Autodächer gebundenen, lebendigen Hühner und die – ebenso lebendigen – Schafe, die einen Teppich auf der Ladefläche des Transportwagens bilden, auf den sie gebunden wurden – an diese gestapelten Tiermassen also habe ich mich schon gewöhnt. Und auch an die Schlaglöcher in den Straßen und Wegen, die eben auf Pfaden umfahren werden, in denen bald neue Schlaglöcher entstehen.

Mit all diesen Vorkommnissen, die mir tagtäglich auffallen, möchte ich ein unbestimmtes Gefühl ausdrücken: Es kommt mir vor, als würde hier vieles bis zur äußersten Grenze getan und genutzt. Dinge und Un-Dinge werden bis zum Exzess ausgenutzt. Das hat durchaus sein Gutes. In Deutschland hätte ich meine kleine Tasche schon zweimal weggeworfen, weil sie zweimal gerissen ist. Hier habe ich sie zum fundi gebracht, der hier ein Stück Leder und da ein Stück Faden fachgerecht angebracht hat, und ich habe meine Tasche wieder – und eine Bekanntschaft dazu.

Demnächst muss ich nach Nairobi fahren, um mein Visum zu verlängern. Ich bin so deutsch und gehe lieber sehr rechtzeitig ins Immigration Office, damit ich nicht auf den letzten Drücker noch schnell meine Aufenthaltserlaubnis aktualisieren muss. Ich hoffe nur, sie haben die Brücke bis dahin repariert, einen sicheren Umweg gefunden oder – sie hält.

Kurz bevor ich diesen Beitrag posten wollte, kam übrigens die Nachricht von meinem Modem, dass das Internetguthaben abgelaufen sei. Ich hatte noch überlegt, ob ich vorsichtshalber schon eine neue Guthabenkarte auf Vorrat kaufen sollte. Zu spät.

Der geheime Garten – Gedanken über Kenias middle class

In Deutschland würde ich mich zur Mittelklasse zählen. Reich bin ich nun nicht, aber „well off“, immerhin kann ich mir Flüge nach Kenia leisten. Ich erinnere mich an ein Schema oder Diagramm, das die Mittelklasse gegen Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts als große Flunder darstellte, die sich gegen Ende dieses Jahrhunderts in einzelne Zellen teilte, die aber weiterhin die breite Mitte ausfüllten. Sind wir nicht alle ein bisschen Mittelklasse?

Die kenianische middle class ist für mich dagegen etwas anderes. Sie wurde zur Genüge auf dem Literaturfest in Nairobi erwähnt, denn sie hat Geldquellen, die genug für die 10 Euro teure Eintrittskarte für eben dieses Festival bereitstellen. Sie sieht Fernsehen (schon zum Frühstück, wie sich herausstellte), wohnt in Kileleshwa, moderiert Lesungen und Interviews auf eine amerikanische Talkshow-Art, kennt Marx‘ Theorien, ist stolz auf seine Haarsalons und Angestellten, selbstkritisch und gibt zu, dass die post election violence nicht weit genug reichte, um sie selbst wirklich zu bewegen. Und sollte sie in Narok wohnen, vermute ich, dass sie meine Nachbarn darstellt. Gegenüber wohnt eine Frau mit ihrem Verlobten und einem Jungen mit weihnachtlichem Namen.Bei ihrem Einzug kam sie mir in einer Java-House-Jacke entgegen und meinte, sie würde in Narok eine neue Arbeitsstelle antreten. Daneben wohnt eine Frau, die mit der Community arbeitet, mein Haus für ein Büro hielt, weil es keine Vorhänge hat und am Wochenende meistens in Nairobi bei ihrer Familie ist. Auch die Frau vom anderen Gegenüber, die ich einmal traf, als wir beide Wäsche aufhängten und sie ein Handtuch um den Kopf und einen Khanga um ihren nackten Körper gewickelt hatte, sagte, ich würde sie selten sehen, weil sie nicht so oft hier sei. Es soll auch noch eine andere weiße Frau hier wohnen, für deren Schwester mit die Pförtner erst hielten, aber ich habe sie noch nicht getroffen. Dafür einen Halbzeit-Dozenten von der Uni, der Community Development unterrichtet. Und hin und wieder treffe ich Inder, die um ihren Jeep stehen, oder daraus aussteigen, oder darin einsteigen, oder etwas daraus holen.

Wir alle wohnen also in einer anonymen Nachbarschaft, mit abgezählten Häusern mit großen Räumen und Strom, der stetig genug fließt, um einen Kühlschrank am Laufen zu halten. Ich habe keinen Kühlschrank (ich hatte noch nie einen in Kenia, und ich kenne niemanden, der genügend Strom zur Verfügung hat, um ihn zu übernehmen, wenn ich Kenia wieder verlasse), und ich fühlte mich ein wenig fehl am Platz in dieser schicken Gesellschaft auf Nairobis Literaturfest. Hier gehöre ich jedoch wegen meiner privilegierten Herkunft dazu. Ich sitze hin und wieder in dem Pavillon in unserem versteckten, eingezäunten und gesicherten Garten und es fällt mir leicht, das Metalltor und die Machete des Pförtners zu vergessen und mich stattdessen über die Vögel im Garten zu freuen.

Narok macht genügend Geräusche, um in diesem Garten nicht vergessen zu werden. Gerade geht die Disko los, die mich jeden Abend in den Schlaf rumst. Ich finde das irgendwie angenehm.

Der Wassermann

Gerade habe ich zwei Töpfe Wasser abgekocht und in den Trinkwasserkanister gefüllt. Das Wasser hier im Stadtteil Umoja wird einmal die Woche in A.s Wohnung gepumpt. Dann verbinden wir den Wasserhahn mit einem Schlauch mit dem 100-Liter-Tank und füllen auch die beiden 20-Liter-Kanister und eine Handvoll anderer großer Plastikflaschen. Das Wasser kommt von der Stadt und wird in einem Laster geliefert, glaube ich. Ich bekomme das immer nur mit, wenn plötzlich der Hahn im Bad anfängt, zu plätschern. Dann renne ich und halte ein leeres Gefäß nach dem anderen drunter. Das Wasser ist recht chlorhaltig. Trotzdem will ich es nicht unabgekocht trinken.

Vor zwei Wochen ließ das Wasser auf sich warten. Der Plastikeimer war schon lange leer, die beiden 20-Liter-Kanister auch, und um Wasser aus dem großen Tank zu schöpfen, musste ich mich schon ziemlich beugen. Irgendwann berührte ich mit der Schöpfkanne den Boden – und Wasser, das gepumpt hätte werden könnnen, war keines da. Also mussten wir Wasser kaufen. In den Straßen hier im Viertel sieht man viele große Handwagen voller gelber und weißer Plastikkanister. Junge Männer holen damit Wasser und verkaufen es für 25 Schilling pro 20 Liter. Wir haben 100 Liter gekauft. Der Wassermann hat sie uns vor die Wohnungstür im ersten Stock geschleppt und wir füllten unseren Tank.

Beim Duschen merkte ich den Unterschied: Das Wasser war wesentlich weicher als das Chlorwasser von der Stadt. Ich kriegte die Seife fast nicht von meiner Haut runter und musste tropfend in die Küche tappen, um nochmal eine Ladung Wasser zu schöpfen und in die Dusche zu tragen.

Inzwischen lassen wir den Wasserhahn immer offen und stellen die grüne Plastikschüssel drunter. Ich bin meistens zu Hause, wenn das Wasser mich überrascht und kann alle leeren Gefäße auffüllen.

Eine letzte Wassergeschichte, die mir neulich untergekommen ist, fand ich sehr symbolisch. Ich besuchte Praktikanten, die bei deutschen Organisationen areiten. Sie sind in einem etwas nobleren Viertel der Stadt untergebracht. Ich war zum Abendessen eingeladen. Sie fragten mich, ob ich Cola wolle. Ich sagte, ich hätte lieber Wasser. Das stellte sich als schwieriger heraus als gedacht. In der Küche stand ein Plastikgefäß mit mindestens 50 Litern abfefülltem Trinkwasser, aber die Handpumpe funktionierte nicht wirklich. Ich bekam schließlich mein Wasser, aber es wäre leichter gewesen, Cola zu trinken.